Qualitätsmedien

Vor zwei, drei Tagen schoss die gesamte deutsche Presse und Rundfunklandschaft mal wieder auf das Betreuungsgeld. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts und der Uni Dortmund hätte ergeben, dass das Betreuungsgeld insbesondere für bildungsferne Eltern der Grund wäre, ihr Kind nicht in eine Kita zu geben.

Seltsam nur, dass sich auf der Webseite des entsprechenden Forschungsverbundes diese Studie mit keinem Wort erwähnt fand. (Moment, noch nicht klicken, kommt gleicht). Was ich da gestern allerdings finden konnte, war die Zusammenfassung einer Studie von 2005, die zeigte, dass bildungsferne und Migranten-Eltern schon damals ihre Kinder signifikant seltener in die Kita gegeben haben (S. 5). Mithin, dass das Betreuungsgeld an der Lage nichts verändert hat, nicht dran schuld ist.

Was Birgit Kelle gemacht hat, war, sich mit dem DJI in Verbindung zu setzen. Und siehe da, es gibt gar keine solche Studie. Jedenfalls keine veröffentlichte. Und das, was die noch zu veröffentliche Studie untersucht hat, war nicht, ob Eltern ihr Kind wegen des Betreuungsgeldes nicht in eine Kita geben, sondern ob Eltern, die angekreuzt haben, dass sie ihr Kind vermutlich demnächst nicht in eine Kita geben werden, auch angekreuzt haben, bei der Entscheidung für dieses Kreuzchen vom möglichen Betreuungsgeld beeinflusst zu sein. Es ging nicht um Kinder, bei denen die Entscheidung schon getroffen war. Es ging um eine Bedarfsanalyse im Rahmen der Bereitstellung von Kitaplätzen in der Zukunft. Das ganze war dem Forschungsverbund wohl so peinlich, dass seit gestern abend eine Vorab-Veröffentlichung des entsprechenden Abschnitts der Studie online zur Verfügung gestellt wurde. Wie gesagt, gestern morgen fand sich diese Studie auf den Seiten des DJI noch mit keinem Wort erwähnt.

Man mag zum Betreuungsgeld stehen, wie man will. Wünschenswerte Familienanerkennung. Herdprämie. Zuckerl für die CSU-Wählerinnen. Das ist mir alles Wumpe.

Mir geht’s um die journalistische Bankrotterklärung, die unsere Medienlandschaft mal wieder abgeliefert hat. Aufgrund einer nicht-veröffentlichten Studie, auf Basis derer irgendwelche nicht durch die Studie gedeckten Behauptungen wohl durch interessierte Kreise an die Presse lanciert wurden, schreiben (lustig drauf los und ungeprüft von der dpa ab):

  • Spiegel: „In ihr [der Studie] heißt es, das Betreuungsgeld stelle besonders für sozial benachteiligte Familien einen Anreiz dar, kein staatliches Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung zu nutzen.“
  • Welt: „Tatsächlich führt das Betreuungsgeld offensichtlich dazu, dass sozial benachteiligte Familien auf das staatliche Angebot von Kita-Plätzen und frühkindlicher Bildung verzichten“
  • FAZ: „Im Abschlussbericht heißt es, das Betreuungsgeld lasse sich „als besonderer Anreiz für sozial eher benachteiligte Familien identifizieren, kein Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung zu nutzen“.“
  • Süddeutsche: „Vor allem Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss und nicht-deutscher Herkunft beziehen Betreuungsgeld, anstatt ihre Kinder in die Kita zu schicken. […] Unter den befragten Eltern, die keine Berufsausbildung oder einen Hauptschulabschluss haben, sagten 54 Prozent, das Betreuungsgeld sei der Grund dafür, dass sie ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken.“
  • Zeit: „Viele Migrantenfamilien und bildungsferne Eltern schicken ihre Kleinkinder aufgrund des vor einem Jahr eingeführten Betreuungsgeldes nicht in eine Kita. […] In der Studie nannten von jenen Eltern, die keine Berufsausbildung oder nur einen Hauptschulabschluss haben, 54 Prozent das Betreuungsgeld als Grund dafür, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Kita schicken“
  • Stern: „In der Studie nannten von jenen Eltern, die keine Berufsausbildung oder nur einen Hauptschulabschluss haben, 54 Prozent das Betreuungsgeld als Grund dafür, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Kita schicken“
  • Tagesschau.de: „In der Studie nannten 54 Prozent der Eltern ohne Berufsausbildung oder mit einem Hauptschulabschluss das Betreuungsgeld als Grund dafür, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Kita schicken“
  • Deutschlandfunk: „Kinder, die auf Grund der sozialen Stellung ihrer Eltern ins Hintertreffen geraten könnten, wenn es um Bildungs- und Aufstiegschancen geht, werden teilweise von der frühkindlichen Förderung abgehalten – weil für Vater und Mutter das Betreuungsgeld die bessere Alternative ist.“
  • usw. usf.

Man kann es nicht oft genug sagen: Diese Studie, die da zitiert wird, gibt es nicht. Und eine in Arbeit befindliche Studie, die wohl gemeint ist, wird diese Behauptungen nicht aufstellen oder gar belegen. Jedenfalls nicht mit dem, was vorab jetzt veröffentlich ist.

Ich bin ja der Meinung, dass, bevor Journalisten die Abschaffung angeblich schlechter familienpolitischer Maßnahmen fordern bzw. sich vor den entsprechenden Karren spannen lassen, erstmal an der Abschaffung von schlechtem Journalismus arbeiten sollten. Bin gespannt, ob es irgendeines dieser Qualitätsprodukte schafft, seine so freigiebig verbreiteten Falschinformationen noch richtig zu stellen.

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Eine Antwort zu “Qualitätsmedien

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