Und wieder ein neues Opfer-Abo verkauft

So langsam wird’s für die Gesellschaft für Deutsche Sprache Zeit, mit dem Unsinn der „Unwörter des Jahres“ aufzuhören. Die zeigen nämlich nicht in erster Linie einen dummen Umgang mit der deutschen Sprache, sondern ein dummes Verständnis von deutscher Sprache durch die beteiligten Germanisten und Journalisten. Ok, mal ist ein Treffer übelsteuphemistischer Sorte dabei („Kollateralschaden“), aber in der Regel sind die Unwörter alles andere als Unwörter, sondern zeigen einen pointierten Umgang mit unserer Sprache. Und die Jury kritisiert dann eben nicht mehr den Umgang mit der Sprache, sondern – in der Regel – politische Einstellungen.

Ein intelligent geprägtes Wort, das einen politisch unkorrekten Gedanken witzig auf den Punkt bringt, ist schonmal ein guter Kandidat. „Herdprämie“ beispielsweise. Genauer kann man das „Betreuungsgeld“ nicht bezeichnen. Jeder weiß, was gemeint ist: Das Betreuungsgeld ist ein Zuckerl für die, die im „klassischen“ Rollenmodel leben (wollen und sollen und dürfen). Zack, bumm. Sitzt. Treffer, versenkt. Phantastische Sprachbeherrschung. Und was sehen unsere überambitionierten Sprachhüter darin? Ein „Diffamierung“ von Eltern, die Kinder zu Hause erzögen. Huch, wie schröcklich.

Was ich auch immer besonders lustig fand, war die Kür von „Humankapital“ zum Unwort des Jahres 2004. Mir ist zwar unklar (und ich bin auch zu faul zum recherchieren), wo das Wort zum ersten Mal auftauchte. Aber sogar ich hab in meinem Ingenieursstudium vor zwanzig Jahren gelernt, was es bezeichnet: Die Einstellung, dass die Mitarbeiter Kapital eines Unternehmens sind. Wertvoll, zu hegen und zu pflegen und zu beachten wie die Gebäude und Maschinen. Und eben nicht nur Kosten, die stören und die man möglichst loswerden muss. Da hat also irgendwer mal versucht, über die Sprache Einstellungen zu verändern (gendergerechte Sprache, anyone?). Und der Schuss ging voll nach hinten los. Weil die versammelte Germanistenmannschaft (Verzeihung, GermanistInnenmannundfrauschaft) der Jury zu blöd war, das Bezeichnete zu sehen und stattdessen im Bezeichner Humankapital ein Wort sah, dass die Mitarbeiter „zu nur noch ökonomisch interessanten Größen“ degradiere.

Wenn Sie als Schöpfer eines Unworts des Jahres in die Geschichte eingehen möchten, ist es auch immer angezeigt, öffentlich Ironie, gar Sarkasmus, zu verwenden, und dies entgegen dem Rat des Adson von Melk vorher nicht laut und deutlich ankündigen. Das „sozialverträgliche Frühableben“, das der Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar erfand, gehört in diese Kategorie. Die Jury scheint mir ein bisschen links besetzt, und Linke und Humor, das ging noch nie gut.

Oder Sie machen’s wie Kachelmann, und kritisieren Journalisten (auf diesen Umstand hat dankenswerterweise Michael Klein hingewiesen), die Sie, obwohl sie gerade vom Vorwurf der Vergewaltigung freigespochen und offenbar Opfer einer Falschbeschuldigung geworden waren, fragen, ob Sie nun einmal in sich gehen müssten, was Sie denn falsch gemacht hätten, dass die arme Frau nun so reagiere. Und bescheinigen den Journalisten, dass Frauen wohl auf die Opferrolle abonniert hätten, mit anderen Worten,  dass Frauen offenbar in allen Diskursen als Täter gar nicht wahrgenommen werden könnten sondern grundsätzlich als wehrlose ausgebeutete Hascherl. Wie es die Journalisten gerade beweisen würden. Statt das nun alles lang und ausführlich zu erläutern, erfinden Sie (bzw. Ehre, wem Ehre gebührt, Sie nutzen ein Wort, dass wohl Ihre Frau geprägt hat), das Wort „Opfer-Abo“.

Die Gesellschaft für Deutsche Sprache wird ihnen genau dieses Wort dann im Mund zum Unwort umdrehen. Weil es „Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht [stelle], sexuelle Gewalt zu erfinden“. Was Sie mit diesem Wort und im Kontext, in dem es gefallen ist, weder gesagt noch gemeint haben. Und genau das ist es, das Opfer-Abo.

qed., möchte man druntersetzen. Im Kritisieren des Wortes beweist die Gesellschaft für deutsche Sprache die Intelligenz hinter dem Wort und Ihre eigene Dummheit. Einstellen, die Aktion. Bitte.

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