Monatsarchiv: Dezember 2012

Der Fall des Sascha Hellen

In Bochum gibt es eine neue heiße Kartoffel. Sascha Hellen heißt sie, und die Absetzbewegungen, die sich rund um diesen „Promi-Vermittler“ und sein merkwürdiges Geschäftsmodell gerade abspielen, sind schon spannend. Gelder hat er nicht weitergeleitet. Und sich nicht an Absprachen gehalten. Und überhaupt. Jetzt prüfe man juristische Schritte.

Bullshit. Der Mann hat genau das getan, wofür er engagiert wurde, auch wenn sich’s keiner je laut zu sagen traute: Bekannte Gesichter ranzuschaffen, damit sich die Bochumer Stadtgranden und insbesondere unsere Oberstadtgrandin in deren Licht sonnen konnten. Sascha Hellen, dieser Vitamin-B-Bubi, war genau der richtige Schlawiner, der dieses Bedürfnis gegen Einwurf kleiner Münzen befriedigen konnte. Und alle haben sie mitgespielt und mitgemacht. Die WAZ entblödete sich nicht, die letzten Jahre über diesen hauptberuflichen Kontaktehaber zum Wunder von Bochum hochzuschreiben. Frau Oberbürgermeisterin posierte grinsend mit einer dämlichen Schneekugel in der Hand neben Hellen, voller Vorfreude auf Schnittchen und Promis. Sparkasse und Stadtwerke fanden sich sponsierend auf Fotos hinter hübschen Mädels wieder.

Alle haben sie genau das gewollt und von uns bezahlen lassen, was Hellen gemacht hat: Promis zu kaufen mit Honoraren, spendiertem Galadiner und Medienauflauf, damit die sich in einer Stadt sehen lassen, die sie andernfalls nur vom Drüberfliegen zwischen Berlin und Düsseldorf kennen würden. Damit die Stadt mal mit guten Nachrichten in den Medien ist. Damit man mal den Musikidolen seiner wilden Jugendzeit die Hand schütteln kann. Damit man sich selber auch ein bisschen Glamourveranstaltungen gönnen und sich ganz toll wichtig fühlen kann in Bochum. Damit diese Provinzmäuse, die in dieser Stadt das Sagen haben, mal einen Abend lang glauben durften, sie seien Großstadtlöwen. Finanziert mit dem Geld, das Sparkasse und Stadtwerke den Bürgern dieser Stadt vorher mit ihren Gebühren aus der Tasche gezogen haben.

Jetzt merken die sonst recht merkbefreiten Bochumer Bürger langsam, was für einen Selbstbedienungsladen der feine Herr Hellen da für die Stadtprominenz vorhielt. Und darum muss er jetzt schleunigst über die Klippe geschubst werden, bevor die Leute hier sich daran erinnern, dass Fische üblicherweise vom Kopf her stinken. Wie schön, dass man der Öffentlichkeit einen Schuldigen präsentieren kann. Der pöse Hellen, hat sie alle hintergangen. Unsere bodenständige Bochumer Haute-Volé, lauter ehrliche Malocherhäute mit Handschlagqualität.

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Der Schein und die Heiligkeit

Steinbrück vortragt nochmal. Und wieder geht eine Welle der Empörung durchs Land, wie er es denn wagen könne, Geld zu verdienen, dieser rotgefärbte Büttel des Großkapitals.

Wie ja auch schon in Bochum, als man dem Mann vorwarf, 25000 Euronen von einer klammen Stadt in den A … bendanzug geschoben bekommen zu haben. Kaltschnäuziger Gierschlund, Kofferannehmer, unanständiger Scheißpolitiker.

Was bei der Debatte vollständig und immer wieder unter den Tisch gekehrt wird, ist die Tatsache, dass es da noch jemanden gab, der den selben Betrag erhalten hat. Unter den selben Umständen. Von den selben Stadtwerken, über die selbe dubiose Promivermittleragentur. Und um den Mann ist es stille wie im deutschen Tann, kein Lüftchen regt sich, und wenn ein Vogerl mal zwitschert, dann hörts keiner. Ein Bild, so still, so beschaulich, so deutsch. Da kann man doch nicht dran kratzen.

Joachim Gauck heißt dieser Mann. Seines Zeichens heute Bundespräsident. Neben Bundesmutti hat das Land seit 23. März dieses Jahres ja auch einen Bundesopi. Und gegen Opi sagt bitte keiner was böses, das ist ein netter alter Mann, mit graumeliertem Haar, der weise Worte kann und keiner Fliege was zu leide tut. Basta.

Gaucks Redneragentur findet sich hier. Ich weiß nicht, wie viel er heute noch als bezahlter Redner auftritt. In der Vergangenheit hat er es jedenfalls getan, und nicht zu knapp. Warum auch nicht? Von irgendwas muss der Mensch leben, und wenn er ein so guter Redner ist, dass Menschen zahlen, um ihm zuzuhören, ist das ein valides Mittel, sein morgendliches Ökobrötchen zu verdienen.

Laut diesem Referentenprofil steht Gauck zwar für Vorträge heute nicht mehr zur Verfügung. Trotzdem ist er jüngst beim „SZ-Führungstreffen“ aufgetreten, und hat da geredet. Steinbrück war übrigens auch dabei. Der Eintrittspreis für diese Veranstaltung beträgt ca. 3100€. Pro Person. Auf so eine Hochkommerzveranstaltung kommt der Bundespräsident (und der Steinbrück) umsonst, um mit Wirtschaftsbossen zu parlieren, die Eintrittspreise zahlen (können!), um mit ihm zu sprechen? Auf der Webseite des Bundespräsidenten ist der Termin nicht verzeichnet, also war er da als Privatperson? Oder wie?

Wie gesagt, ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Politiker bezahlte Reden halten, so lange sie genug unbezahlte halten. So lange man den Zugang zu ihnen kaufen kann, aber nicht kaufen muss, weil es auch andere Kanäle gibt, sie zu erreichen. Dieser Typ publizistischer Mensch, der nach vorne drängt und sein und anderer Leben gestalten statt verwalten will, ist mir deutlich lieber als die vielen Politiker der zweiten Reihe, die mit der Sicherheit eines Postens im öffentlichen Dienst im Rücken eine Politikerkarriere angingen, heute ihre 10000 Euro Diäten einstreichen und sich ansonsten still die Hintern in Ausschüssen und Schützenvereinsfesten plattsitzen. Deutlich lieber als jede politische Quotenfrau ohne Ahnung, aber voll guten Willens. Ich finde es in Ordnung, wenn Menschen aus ihrer politischen Sichtbarkeit auch persönlichen Gewinn schlagen. Wenn sie der Wirtschaft ein bisschen Geld aus der Tasche ziehen und dafür ein Dachdecker bei ihnen am Ort was zu tun kriegt, weil sie davon eins ihrer Mietshäuser neu decken lassen. So lange sie sich nicht kaufen lassen.

Was mich stört, ist die Scheinheiligkeit, mit der die Öffentlichkeit dem einen das bezahlte Reden vor Wirtschaftsbossen ankreidet, und beim anderen pfeifend in den Himmel, aber bloß nicht genauer hinschaut. Weil der eine ein forscher und lauter Typ ist, der von seiner Herangehensweise an die Probleme überzeugt ist und seine Meinung sagt, ohne sich groß Gedanken zu machen, wer sich denn wohl deswegen von ihm angepisst fühlen könnte. Wohingegen der andere dieser typische deutsche Nichtaneckenwoller ist, der salbungsvolle Worte findet, zu denen alle immer nicken können. Obwohl sie beide das gleiche tun, kriegt der erste mit Freuden von der Öffentlichkeit eins mit der Moralkeule übergebraten, während letzterer als Säulenheiliger der Demokratie auf ein Podest gehievt wird.

Das Schlusswort überlasse ich Steinbrück: Es kann doch nicht sein, dass nur SPD-ler kein Geld verdienen dürfen.

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